Die unsichtbare Wunde: Warum Parodontitis mehr als ein Mundproblem ist

Stellen Sie sich eine offene Wunde vor, so groß wie Ihre Handfläche. Sie blutet seit Jahren. Sie heilt nie. Und die meisten Menschen würden es nicht einmal bemerken. Genau das passiert bei Millionen Menschen in Deutschland jeden Tag beim Zähneputzen – nur nennt sich diese Wunde Parodontitis, und sie versteckt sich dort, wo niemand genau hinschaut: im Zahnfleisch.

Der unterschätzte Alarm

Laut aktueller Deutscher Mundgesundheitsstudie zeigen 95 Prozent der 35- bis 44-Jährigen in Deutschland Anzeichen von Parodontitis, 14 Millionen Menschen sind schwer betroffen. Das Tückische daran: Die Erkrankung tut lange nicht weh und wird deshalb massiv unterschätzt, wie Parodontologin Dr. Anja Geisler in der aktuellen Folge von Medizin Direkt erklärt.

Warum das mehr als ein Mundproblem ist

Die Entzündung bleibt nicht im Mund. Bakterien wandern in die Blutbahn, Botenstoffe versetzen das Immunsystem in Daueralarm, und selbst das Darm-Mikrobiom wird beeinflusst. Die Folge ist eine Liste an Krankheiten, die kaum jemand mit dem Zahnfleisch in Verbindung bringt: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, rheumatoide Arthritis und möglicherweise Alzheimer, da Forscher das Bakterium Porphyromonas gingivalis bereits im Hirngewebe von Alzheimer-Patienten nachgewiesen haben.

Besonders gut belegt ist die Zweibahnstraße mit Diabetes: Hoher Blutzucker begünstigt Parodontitis, Parodontitis verschlechtert den Blutzucker, und eine erfolgreiche Behandlung kann laut IDF/EFP-Konsensbericht den Langzeitwert HbA1c nachweisbar verbessern. Auch bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, an denen 45 Prozent der Europäer sterben, spielt dieser vermeidbare Risikofaktor bislang kaum eine Rolle, weil Kardiologen selten nach dem Zahnfleisch fragen und Zahnärzte selten den Blutdruck messen.

Was Sie diese Woche tun können

Fragen Sie beim nächsten Zahnarztbesuch aktiv nach dem PSI-Test, er dauert zwei Minuten und wird von der Kasse übernommen. Reinigen Sie die Zahnzwischenräume gründlich, denn die Zahnbürste allein erreicht nur etwa 60 Prozent der Zahnoberflächen. Und nehmen Sie Zahnfleischbluten ernst, genau so, wie Sie es bei jeder anderen Wunde am Körper tun würden.

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Die ganze Geschichte mit allen Studien, Hintergründen und der Zukunft der Diagnostik hören Sie in Medizin Direkt, Folge 20.

Spotify: https://open.spotify.com/episode/0a9mqmyd7AA3Esap329r87?si=5uYAysxYQY-ewlCe6qeXdg&utm_source=copy-link

YouTube: https://youtu.be/RghsDqXouFI?is=gLwar_bD0eeOEtgG

Dr. Anja Geisler — Zahnärztin & Parodontologin, München

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